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Stephen King und die moderne Horrorliteratur

 
Mathias von Gersdorff
 

Stephen King ist bei weitem der erfolgreichste Autor von Horrorromanen weltweit. Schon sein erster Roman, Carrie, war ein großer Erfolg und so auch alle oder so gut wie alle folgenden Bücher: 40 Romane, mehr als 100 Kurzgeschichten, ein Sachbuch über das Schreiben von Horrorromanen, dazu mehrere Novellen und Drehbücher. Die meisten seiner Schöpfungen wurden mittlerweile verfilmt, manche sogar schon mehrmals, wie beispielsweise die Vampirgeschichte „Brennen muß Salem“. Am 21. September 2007 ist er 60 Jahre alt geworden. Obwohl er nicht mehr so viel schreibt, wie vor Jahren, hat er ein Jahreseinkommen von rund 50 Millionen Dollar.

Bei diesem Erfolg ist es nicht verwunderlich, daß er unzählige Autoren und Filmemacher seit den 70er Jahren beeinflußt hat. Mehr noch, gewissermaßen hat er den Typ des Horrorromans, der Ende der 60er Jahre entstand, popularisiert wie kein anderer. Ohne Übertreibung läßt sich behaupten, daß Stephen King den Horrorroman neu erfunden und eine historische Zäsur geleistet hat. In seinem Sachbuch „Danse Macabre“ über die Horrorliteratur und den Horrorfilm beschreibt er ausführlich die literarischen und gewissermaßen auch psychologischen Techniken, die er anwendet. Dort wird klar, inwieweit sich der moderne Horrorroman, der Ende der 60er Jahre entstanden ist, vom „klassischen“, hervorgegangen aus den englischen Gothic Novels Anfang des 19en Jahrhunderts, unterscheidet.

Der vordergründigste Unterschied ist der Raum, in der die Handlung spielt und damit verbunden die Atmosphäre. In den alten Horrorromanen und Filmen, Produktionen wie etwa die Vampirgeschichten mit Bela Lugosi und Christopher Lee, spielt die Handlung in abgelegenen Friedhöfen, verlassenen Burgen, dunklen Wäldern, entfernten Gebirgen. Die Hauptfiguren sind entweder Aristokraten oder Angehörige der englischen High Society. Die Atmosphäre ist irreal, fast märchenhaft.

Ganz anders die neuen modernen Horrorromane, ohne daß sie ganz aufgehört haben, Elemente der älteren zu verwenden. Seit Ende der 60er findet Horror in einer betont realistisch gehaltenen Atmosphäre statt. Bei Stephen King ist es typischerweise eine Kleinstadt aus dem Nordosten der USA. Städtchen, wie man sie zu Hunderten dort oder im Fernsehen sieht. Die Personen sind, außer die Horrorfiguren natürlich, ganz normale Menschen, so wie du und ich. Innerhalb dieser gewöhnlichen, x-beliebigen Atmosphäre dringt der Horror ein und beherrscht alle und alles. In vielen Romanen von Stephen King wird die Horrorfigur sogar recht spät aktiv, manchmal erst nach einem Drittel des Buches, wobei manche Romane über Tausend Seiten lang sind. Dadurch lernt der Leser die (normalen) Figuren sehr gut kennen, bevor der eigentliche Horror beginnt. Der Leser lernt viel über das Leben, die Gefühle, die Sorgen die Hoffnungen. Oft tauchen sehr viele Hauptpersonen in diesen Romanen auf, wodurch dem Leser eine ganze Palette an möglichen Identifikationsfiguren präsentiert wird. Im wahrscheinlich erfolgreichsten Roman von Stephen King, „Es“, wird über Hunderte von Seiten das Leben jedes einzelnen Mitglieds der Schülerclique behandelt, die schließlich das Monster „Es“ jagen. Der Roman fängt aber an, als die Cliquenmitglieder schon erwachsen und erfolgreich sind. Anhand von Rückblenden erfährt der Leser ausführlich über das Leben von ihnen, als sie noch 12 bis 16 Jahre alt waren. Stephen King läßt oft Jugendliche als Hauptpersonen erscheinen und für viele Leser ist die reproduzierte Atmosphäre der 50er Jahre besonders reizvoll, möglicherweise, weil sie damals ebenso alt waren wie die Romanfiguren.

Am Anfang seines Buches „Danse Macabre“ beschreibt Stephen King, wohin er seine Leser führen will: „Doch auf einer anderen, überzeugenderen Ebene ist jedes Horrorwerk tatsächlich ein Tanz – eine bewegte, rhythmische Suche. Und es sucht nach dem Ort, wo Sie, der Zuschauer oder Leser, auf ihrer primitivsten Ebene leben. Ein Horrorwerk interessiert sich nicht für das zivilisierte Ambiente unseres Lebens. Ein solches Werk tanzt durch diese Zimmer, die wir mit einem Stück nach dem anderen eingerichtet haben, wobei jedes Stück – hoffen wir! - unseren gesellschaftlich akzeptablen und angenehm erleuchteten Charakter zum Ausdruck bringen soll. Es sucht nach einem anderen Ort, einem Zimmer, das manchmal der geheimen Kammer eines viktorianischen Gentlemans ähneln kann, manchmal einer Folterkammer der spanischen Inquisition …, aber am häufigsten doch dem primitiven Loch eines steinzeitlichen Höhlenmenschen.“

Was meint Stephen King hiermit? Er geht im wesentlichen davon aus, daß die menschliche Psyche aus zwei Seiten besteht, einer bekannten, geheimnislosen, die er als die apollinische Seite bezeichnet und eine andere, geheimnisvolle, versteckte, die sog. dionysische Seite der menschlichen Mentalität. Apollo steht für die Vernunft, für die Ordnung, für ein leben nach klaren und rationalen Normen und Gewohnheiten. Die apollinische Seite ist (nach Stephen  King) die, die man nach außen kehrt, die sich an die gesellschaftlichen Normen hält, die sich so hat formen lassen, wie das die Gesellschaft von uns erwartet. Doch für Stephen King ist das nicht die gesamte Wahrheit der menschlichen Existenz, es gibt auch die Seite, die sich wie der griechische Gott Dionysos verhält, also die hemmungslose, unordentliche, chaotische, lüsterne und leidenschaftliche Seite. Diese Seite hält der Mensch versteckt, denn sie entspricht nicht dem, was die Gesellschaft von uns erwartet oder tolerieren würde. Diese Seite muß sich verstecken, weil die Gesellschaft sie verurteilt und verfolgt.

Natürlich ist Stephen King nicht der erste, die dieses Bild verwendet. Nur um ein Beispiel zu geben sei hier die Erzählung von Robert Louis Stevenson „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde (The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde) erwähnt. Der Wissenschaftler Dr. Henry Jekyll erfindet einen Trank, durch den er die böse Seite seines Ichs befreien kann. So entsteht aus dem vernünftigen, ordentlichen, korrekten, also apollinischen Dr. Jekyll Mr. Dr. Edward Hyde. Dieser ist stattdessen voller ungeordneter Leidenschaft und lüstern. Wenn der Wissenschaftler sich sozusagen amüsieren möchte, was er aber aufgrund seiner strengen, viktorianischen Erziehung nicht tun kann, braucht er nur einen Schluck seines erfundenen Trankes einzunehmen, um sich in Mr. Hyde zu verwandeln. Dann steht nichts mehr im Wege, richtig auf den Putz zu hauen. Sollte die Gesellschaft den Lebensstil von Mr. Hyde kritisieren, ist das egal, denn die Wirkung des Trunkes ist nur von begrenzter Dauer, so daß sich Mr. Hyde wieder in den anerkannten Dr. Jekyll verwandelt, ohne daß irgend jemand Verdacht schöpft. Dank des Trankes kann also Dr. Jekyll in der Lesart von Stephen King beide Seiten seines Ichs ausleben, sowohl die apollinische wie auch die dionysische.

Stevensons Absicht war aber nicht, ein freudianisches Menschenbild anschaulich zu machen. Vielmehr wollte er schildern, was passiert, wenn man sich der Sünde, dem Bösen ausliefert: Falls der Mensch sich der Sünde hingibt verliert er mit der Zeit immer mehr die Kontrolle über sie, bis der Mensch völlig vom Laster beherrscht wird. Genau das passiert dem armen Dr. Jekyll, denn zum Schluß verwandelt er sich in den sündigen Mr. Hyde auch ohne Trank und ohne Vorankündigung. Er hat also die Kontrolle über seine schlechte Seite verloren. Schließlich stirbt er als Mr. Hyde in der Kleidung von Dr. Jekyll.

Für Stephen King schafft es die Horrorliteratur, eben in diese Ebene einzudringen, die – entsprechend seinem Menschenbild – jeder möglichst verschlossen halten will: „Eine gute Horrorgeschichte wird sich ins Zentrum Ihres Lebens tanzen und die Geheimtür zu dem Zimmer finden, das – wie Sie glauben – außer Ihnen keiner kennt.“ Offensichtlich hatte King Freuds Theorie über das Unterbewußtsein im Sinne, als er dies schrieb. Und möglicherweise mehr, denn so wie er es ausdrückt, soll Horror dieses „Zentrum Ihres Lebens“ aufschließen, es geht also um eine Art Befreiungsaktion und damit gerät er geistig in die Nähe der Philosophen der Frankfurter Schule, die die Ideengeber der 68er Bewegung waren.

Für die 68er bzw. ihre Philosophen lebt ein wichtiger Teil des menschlichen Seins eingeschlossen und verdrängt. Dies geschieht, weil der Mensch sich den gesellschaftlichen Normen und Prinzipien unterwerfen muß. Diese Normen und Prinzipien, Gebräuche, Gewohnheiten, Attitüden sind aber willkürlich, so die 68er, und dienen insbesondere der Erhaltung von Macht- und Herrschaftsstrukturen. Eine dieser Strukturen ist beispielsweise die Familie. Für die 68er, vom Marxismus stark beeinflußt (sie selber nannten sich Neo-Marxisten oder Freudo-Marxisten), ist der Hauptfeind der menschlichen Freiheit die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft. Damit diese existieren kann und dementsprechend die Machthaber ihre  Macht erhalten können, müssen Strukturen, wie eben die Familie, quasi mit psychologischer Gewalt aufrecht erhalten werden. Bei diesem Prozeß wird ein wichtiger Teil des menschlichen Seins unterjocht. Dadurch wird der Mensch fähig, sich den Herrschaftsstrukturen der bürgerlichkapitalistischen Gesellschaft unterzuordnen.

Schon der Marxismus hat ähnliche Thesen aufgestellt, doch im wesentlichen auf das wirtschaftliche Leben beschränkt. Um sich von diesen „Herrschaftsstrukturen“ zu befreien, sollte das Recht auf Eigentum über die Produktionsmittel abgeschafft werden und diese in Kollektiveigentum überführt werden. Die 68er haben diese Thesen übernommen und auch den Klassenkampf als Mittel zur Überwindung dieser Strukturen. Doch die 68er, vor allem Herbert Marcuse, kritisierten an den Lehren Marx’ die Beschränkung der Revolution auf das wirtschaftliche Leben. Das sei zu kurz gegriffen, behaupteten die 68er, denn eine wahre Befreiung des Menschen würde nur möglich sein, wenn er sich in sämtlichen Bereichen des Lebens befreit. Nur durch das Abwerfen aller kulturell erzeugten Normen, Werte, Prinzipien, Gewohnheiten, die in der Lesart der 68er nur dafür existieren, die bürgerlich-kapitalistischen Strukturen zu erhalten, würde sich der Mensch vom „Joch des Kapitalismus“ befreien können.

Um eine wirkliche Revolution durchführen zu können, so die 68er, müßte sich der Mensch sozusagen von den inneren Zwängen befreien, also von den Normen, Prinzipien, Gewohnheiten usw., die ihm die „bürgerlich-kapitalistische Herrschaftsform“ aufoktroyiert hat. Es handelt sich also in erster Linie um eine psychologische Revolution, die dann zu gesellschaftlichen Änderungen führen wird.

Obwohl es heutzutage kaum noch jemand gibt, der so schreibt, sind die 68er systematisch nach diesen Maximen vorgegangen. Ihr Ziel war, eine Revolution durchzuführen. Um das zu erreichen, wollten sie einen „Neuen Menschen“, damals ein durchaus gängiger Begriff. In mehreren Bereichen waren die 68er durchaus erfolgreich. So in der Durchführung der sog. Sexuellen Revolution, in der Einführung der Abtreibung, in der Schwächung der Familie und in der Einführung eheähnlicher Institutionen wie beispielsweise die „Homo-Ehe“.

Die Philosophie der 68er ist der sog. Freudo-Marxismus, also eine Verbindung der Psychoanalyse Freunds mit dem Marxschen Klassenkampf. Durch diese Verbindung kamen die 68er zum Ergebnis, daß sich eine Revolution nicht nur gegen die Eigentümer der Produktionsmittel richten darf, sondern gegen sämtliche Einrichtungen, Normen, moralische Prinzipien usw., die das „bürgerlich kapitalistische System“ in ihren Augen aufrecht erhalten, also im Grunde genommen gegen all das, was man üblicherweise unter christlichen Abendland versteht.

Obwohl Stephen King in seinen Büchern nicht zu einer Revolution aufruft, findet man in seinen Theorien über die Horrorliteratur dasselbe Menschenbild der 68er, bzw. der Neu-Freudianer. Für ihn existiert ein Unterbewußtsein, die dionysische Seite der menschlichen Mentalität, die verborgen ist und sich nicht aus der Versenkung herauswagt, denn sie hat Angst, von den gesellschaftlichen Konventionen geächtet zu werden. Stephen King drückt das so aus: „Horror spricht uns an, weil er auf symbolische Art Dinge sagt, die unverblümt auszusprechen wir nicht wagen würden; er bietet uns die Möglichkeit, Emotionen zu exerzieren, von denen die Gesellschaft verlangt, daß wir sie für uns behalten. Der Horrorfilm ist eine Einladung, sich stellvertretend in trotzigem, antisozialem Verhalten zu ergehen – abscheuliche Gewalttaten zu begehen, unseren infantilen Machtphantasien nachzugehen, uns unseren geheimsten Ängsten zu ergeben.“

Der Horror ermöglicht es also dem Leser oder dem Zuschauer, Emotionen zu durchleben, die er im wahren Leben nicht durchleben kann, weil er entweder nicht die Mittel dazu hat oder weil die Gesellschaft dies nicht zuläßt bzw. sein Ansehen dadurch ruiniert würde. Natürlich ist es sehr üblich, daß bei jedem fiktiven Werk Emotionen durchlebt werden, die man in der realen Welt nicht empfinden kann. Offensichtlich ist das der Fall bei historischen Handlungen (Quo Vadis, El Cid oder Ben Hur) oder bei Abenteuerfilme mit Piraten. Doch der relevante Unterschied des Horrorfilms entsprechend Stephen King ist, daß hier Emotionen freigegeben werden, die sozusagen zu Tabuzonen gehören. Wie geht Stephen King konkret vor, wenn er Horror schreibt?

Das erste, was einem auffällt, wenn man ihn liest, ist der Rahmen, in welchem die Handlung stattfindet. King hat es nämlich bis zur Perfektion geschafft, die phantastischen Elemente, vor allem die Horrorelemente, in das Leben einer typischen amerikanischen Kleinstadt einzubetten. In diesem Sinne könnte man Stephen King als einen „realistischen Horrorautor“ bezeichnen. Die Charaktere sind sehr amerikanisch und entsprechen dem Durchschnittsmenschen, den man aus den amerikanischen Fernsehserien kennt. Stephen King übernimmt bewußt sehr viele Elemente aus den US-amerikanischen Serien und aus der Popkultur, damit sich seine Leser schnell in die Handlung und die Stimmung des Romans einfinden. Die Kleinstädte, die Häuser, die Straßen, die Supermärkte, ja, alles in den meisten Romanen von Stephen King entspricht dem Alltag einer amerikanischen Stadt. Er zeichnet also das typische Leben der Kleinstadtamerikaner mit ihren Sorgen, Freuden, Hoffnungen und Sehnsüchten und läßt in diese banalen Handlungen den Horror einfließen. Dadurch erhält das spezifisch Phantastische eine Realität und eine Kraft, die die alten englischen „Gothic Novels“ aus der Romantik, dessen Handlung typischerweise in verlassenen Schlössern stattfinden und kaum eine stinknormale Figur haben, bei weitem nicht entfalten konnten.

Ein Kind oder ein Jugendlicher, der aufgewachsen ist mit unzähligen Fernsehserien aus den USA, die am Nachmittag laufen, nimmt ein Stephen King Roman, in dem möglicherweise ein Kind oder ein Jugendlicher in seinem Alter der Hauptdarsteller ist, in die Hände, und kann sich nach wenigen Zeilen in die Handlung hineinversetzen, sich mit den Figuren identifizieren und das Gefühlsleben der fiktionalen Personen nachempfinden. Seine Lieblingsfiguren werden zu Freunden und wenn sie bedroht werden, egal ob durch Horrorgestalten oder durch Menschen, wird er erleichtert aufatmen, wenn die Gefahr vorüber ist und sein Freund noch lebt.

Die Romane von Stephen King sind sehr lang, der Stil ist breit, es werden alle möglichen Kleinigkeiten über nahezu alle Figuren niedergeschrieben. Man erfährt also alles und kann deshalb genau nachempfinden, was in ihnen vorgeht. Stephen King ist mehr oder weniger gezwungen, das zu tun, denn in seinen Romanen (und gewissermaßen in allen modernen Horrorromanen) ist der Horror, also das Angstmachende, eine Spiegelung einer Angst, oft eines Traumas oder eine Psychose, die die Menschen auch in normalen, realen Leben empfinden.

Stephen King hat in Danse Macabre – Die Welt des Horrors eine Literaturtheorie des Horrors entwickelt, die von vielen weiteren Autoren und Filmemachern ebenfalls verwendet wird. Er beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wieso Menschen überhaupt Horror konsumieren und erklärt sich das auf folgende Weise: Horror ist für King eine Art Therapie, durch die der Leser in Bereiche seine Psyche kommt, die für das Bewußtsein ansonsten verschlossen sind. Es sind die Bereiche der menschlichen Psyche, in die die Ängste, Phobien, Traumata verbannt werden und die nicht mehr einfach zugänglich sind, denn die Psyche verschließt sie aufgrund einer Art Selbsterhaltungstrieb. Doch diese Angstzustände leben weiterhin in der Psyche und können immer wieder auftauchen, wenn sich ähnliche Lebenssituationen ergeben, wie die, die sie verursacht haben. Stephen King behauptet, daß Menschen eben gerne Horror sehen oder lesen, um eben diese traumatischen Situationen wieder in der Phantasie zu erleben und somit abzubauen. King sagt im Grunde genommen, daß der Mensch durch den Horror eine Art Katharsis sucht, durch die er sich von seinem versunkenen Trauma befreien kann.

Aber wieso Horror, bzw., wieso eine phantastische Handlung, die in der Realität gar nicht passieren kann? Der vernunftbegabte Leser weiß ja, daß das, was er im Horrorroman liest, nicht existieren kann. Wie kann er dann noch Angst empfinden. Stephen King beantwortet diese Frage folgendermaßen: Aufgrund des Selbstverteidigungs-mechanismus der Psyche würde sich diese sofort verschließen, wenn eine Situation, die im vergangenen Leben zu einem Trauma geführt hat, in einer ähnlichen Art und Weise dem Traumatisierten gezeigt wird. Die Psyche wird sich dagegen wehren, sie wird sich weigern, diese Situation neu zu erleben, auch wenn das nur in der Phantasie geschehen soll.

Stephen King drückt das so aus: „Warum soll man sich schrecklich Sachen ausdenken wollen, wo es doch so viel echten Schrecken auf der Welt gibt? Die Antwort darauf lautet, daß wir Schrecken erfinden, um mit dem tatsächlich existierenden besser fertig zu werden.“ Aus dieser Sicht hätte Horror eine analoge psychosoziale Funktion wie die griechischen Tragödien.

Der Horror trickst die Abwehrmechanismen der Psyche aber aus, indem für die Ursache des Traumas eine fiktionale und sogar unmögliche Figur und Handlung erfunden werden, die aber dieselben negativen emotionalen Reaktionen hervorrufen. Die traumatisierte Psyche durchlebt dieselben Emotionen, und – das wäre der therapeutische Sinn der Übung – arbeitet sie ab. Die Psyche kann sie wieder durchleben, möglicherweise wesentlich langsamer als das Ereignis, das zum Trauma geführt hat, und die Vernunft kann analysierend die Emotionen begleiten.

Versuchen wir ein Beispiel zu basteln: Einem Kind fällt die Schule nicht leicht. Er muß viel arbeiten, um die Prüfungen zu bestehen und nicht sitzen zu bleiben. Entsprechend der Theorie von Stephen King produziert das etliche Angstzustände, die zu Traumata und Phobien führen können: Wenn er sitzen bleibt, wird er von seinem Vater bestraft – Angst vor der Strafe. Wenn er sitzen bleibt, werden sein Vater und möglicherweise auch seine Mutter ihn nicht nur bestrafen, sondern auch weniger lieben – Angst vor Liebesentzug seiner Eltern. Er wird dann auch seine Freunde, die in die nächste Klasse oder nächste Schule kommen, verlieren – Angst vor Einsamkeit, keine Freunde haben, neue finden zu müssen usw. Auf lange Sicht wird er auch schlechte Berufsperspektiven haben – Angst vor wirtschaftlicher Not. Diese Angst kann laut King schnell zu Panik werden, wenn das Kind beispielsweise in einem Haushalt lebt, das ständig von Arbeitslosigkeit bedroht ist oder wenn Verwandte arbeitslos sind und mit dem Leben nicht mehr zurechtkommen, weil die schlechte Schulausbildung sie zu Benachteiligten der Gesellschaft gemacht hat, wodurch sie in Krisenzeiten arbeitslos wurde, wodurch sie wiederum zu Alkoholikern geworden sind usw. Man kann dieses düstere Bild endlos verdüstern. Ergebnis: Das Kind wird Angstzustände bekommen. Diese werden in das Unterbewußtsein verdrängt und üben immer wieder einen schlechten Einfluß auf das Kind aus: Jedes Mal, wenn eine Prüfung ansteht, wird es schwitzen, zittern und nicht schlafen können. Falls die Noten dann nicht gut sein sollten wird er Angst vor der Reaktion des Vaters haben, vor der Armut als Erwachsener usw.

Was ist die Lösung? Für Stephen King wird das Kind Vampirgeschichten oder sonstige Horrorliteratur konsumieren, um anhand von Metaphern, was die Horrorfiguren letztendlich sind, diese Angst abzubauen, bzw. in das Bewußtsein zu bringen und dort anhand einer Katharsis zu begegnen und zu überwinden. Die Angstzustände, die die Horrorgeschichten provozieren, müssen die gleichen sein, die ursprünglich die Person traumatisiert haben, damit die Katharsis wirkt, so Stephen King.

Das bedeutet wiederum, daß ein Horrorautor sehr geschickt die Allegorien wählen und darstellen muß, damit tatsächlich Angst und keine Langeweile entsteht. Wenn der Leser sich nicht persönlich berührt fühlt wird er keine Angst und kein Schrecken empfinden. Im Wesentlichen muß der Autor ein Gespür für Assoziationen haben. Da die Allegorie indirekt wirkt, muß der Autor etwas in der Handlung aufkommen lassen, wodurch der Leser unwillkürlich die in der Vergangenheit empfundenen Ängste wieder empfindet. Für Stephen King liegt hier der Schlüssel zum Erfolg: „Wenn es dem Schöpfer einer Horrorstory mit einer einzigen Idee, den bewußten und unterbewußten Verstand zu vereinen“ gelingt. Wenn dies nicht gelingt, d.h., wenn der Leser nicht persönlich berührt wird, wird er sich nicht erschrecken lassen.

Stephen King faßt das an einer Stelle von Danse Macabre folgendermaßen zusammen: „Beginnen wir damit, daß die Horrorgeschichte, wie primitiv sie auch immer sein mag, in ihrer ureigensten Natur allegorisch ist; daß sie symbolisch ist. Gehen wir davon aus, daß sie, wie ein Patient auf der Couch des Analytikers, über irgend etwas zu uns spricht, aber etwas anderes meint. Ich will nicht damit sagen, daß Horror bewußt allegorisch oder symbolisch ist; das hieße auf einen künstlerischen Wert schließen, den die wenigsten Verfasser von Horrorliteratur oder Regisseure von Horrorfilmen anstreben.“

Zu diesen unterdrückten Gefühlen gehören gemäß den freudianischen Theorien von Stephen King nicht nur solche, die durch Angst entstehen, sondern auch die, die Gesellschaft verurteilt. Dann spielt natürlich dann auch Angst eine Rolle, denn der Menschen fürchtet es wegen einer Übertretung von gesellschaftlichen Konventionen, in die Isolation getrieben zu werden. Diese Art von Ängsten kann sogar wesentlich stärker sein, als beispielsweise die Angst vor dem Sterben. Beispielsweise ziehen es Soldaten vor, in den Krieg zu ziehen und möglicherweise zu sterben, als feige zu gelten.

Aus Angst ist der Mensch psychologisch nicht in der Lage, gewisse Dinge zu tun oder zu sagen. Doch anhand von Horrorprodukten kann das zumindest in der der Phantasie geschehen, wodurch die die entsprechenden Emotionen empfunden werden. Stephen King ist das eines der wichtigsten Motive für den Konsum von Horror: „Horror spricht uns an, weil er auf symbolischer Art Dinge sagt, die unverblümt auszusprechen wir nicht wagen würden; er bietet uns die Möglichkeit, Emotionen zu exerzieren, von denen die Gesellschaft verlangt, daß wir sie für uns behalten.“

Genau das steht bei den Debatten über das Verbot von sog. Killerspielen und sonstige Gewaltvideospiele, bzw. auch Filme mit extremer Gewalt, im Mittelpunkt. Denn es gibt keine Garantie, daß es bloß bei der Phantasie bleibt. Bei manchen Konsumenten dieser Art Produkte kann durchaus der Wunsch aufkommen, das, was sie sehen und was sie fühlen, in die Praxis umzusetzen um das „real“ zu erleben.

Nach der Auffassung von Stephen King würde die Horrorfigur das Brechen einer gesellschaftlichen Norm symbolisieren. Deshalb identifiziert sich der Leser oder der Zuschauer, wenn er diese Norm mißbilligt, aber nach ihr leben muß, mit ihr. Die Tatsache, daß es eine Horrorfigur ist, die die Projektionsfläche für eine Identifikation bieten soll, ist kein Nachteil, wie man das spontan denken könnte, sondern ein Vorteil. Denn, erstens existiert diese Figur nicht und zweitens kann der Zuschauer sich mit dieser Figur (oder mit den Beweggründen der Figur) identifizieren, aber sie auch gleichzeitig verachten, weil sie eben eine Horrorfigur ist. Er kann also den Vampir sozusagen bewundern, ohne wie er werden zu wollen. Damit wird das Gewissen des Lesers beruhigt.

Spätestens hier wird die Nähe von Stephen King mit den Philosophen der Frankfurter Schule, also den Ideengebern der 68er Revolution, deutlich. Für sie ist der Mensch nahezu ganz von der Gesellschaft in seinen Ansichten, Mentalität, Willen, Wünschen usw., determiniert. Er lebt also völlig entfremdet von seinem wahren Ich, was zu Traumas, Phobien und sonstigen psychischen Störungen führt, so die 68er. Im Grunde genommen ist das Menschenbild der 68er sehr negativ. Der Mensch ist völlig unfrei, er ist fast wie ein Roboter, der ganz von der Gesellschaft determiniert wird. Um diesen deprimierenden Zustand zu überwinden, muß das Leben des Menschen aus der Sicht der 68er aus einem unendlichen Emanzipationsprozeß bestehen.

Es würde zu weit führen, hier erklären zu wollen, wieso dieses Menschenbild nicht nur falsch sondern auch völlig im Gegensatz zum christlichen Menschenbild steht. Jedenfalls gibt uns Stephen King einen möglichen Hinweis um zu verstehen, wieso seit Anfang der 70er die Produktion von Horror so gestiegen ist. Die 68er konnten nämlich in vielen Menschen die Idee einnisten, daß sie unfrei seien und die Bereitschaft, gesellschaftliche Normen anzunehmen, sank. Es entstanden etliche Bewegungen, die sich eine angebliche Emanzipation auf die Fahnen schrieben.

Falls man Stephen King glaubt, also wenn anhand von Horrorprodukten der „unterdrückte Mensch“ Emotionen erlebt, die er in der Öffentlichkeit nicht erleben darf, müßte Horror besonders von Menschen konsumiert werden, die sich von der Mentalität und den Lebenseinstellungen der 68er (unbewußt) haben prägen lassen. Also Menschen, die den bürgerlichen oder christlichen Lebensstil hinter sich gelassen haben.

Manches spricht dafür. Der Ausstoß an Horror ist seit Anfang der 70er Jahre enorm gestiegen. Aber nicht nur das. Die Brutalität, die Grausamkeit, das Morbide dieser Produktionen hat auch erschreckende Maße angenommen. Damit bei den Konsumenten tatsächlich eine Enthemmung stattfindet, muß die Dosis an Horror und Gewalt offenbar immer größer werden. Auch ist seit Anfang der 70er Jahre zu beobachten, daß die Handlung von Horrorproduktionen immer gezielter psychologische Realitäten behandelt. Und insbesondere in Neuauflagen von alten Horrorgeschichten, beispielsweise Dracula, wird das „Freudianische“, in der Deutung von Stephen King, immer stärker in den Vordergrund gebracht.

Versuchen wir aber etwas konkreter und tiefer in die literarischen Tricks von Stephen King einzudringen.

Die apollinische Seite unseres Ichs, so Stephen King, wünscht sich eine geordnete Welt, möglichst ohne Überraschungen: „Entsetzen entsteht häufig aus dem Eindruck, daß die Welt aus den Fugen gerät; die Dinge sind im Verfall begriffen. Wenn dieses Gefühl des Verfalls plötzlich kommt und persönlich zu sein scheint, - wenn es Sie im Herzen trifft -, dann verankert es sich als vollständiges Set in der Erinnerung.“ Die apollinische Seite wird also erschreckt, wenn Menschen, die gestorben sind, wieder frei als Zombies rumlaufen, denn die Norm sagt uns, daß es das nicht geben darf. Und wenn es dann doch vorkommt, dann erschrickt man. Das ist eine alltägliche Beobachtung. Kinder lieben es, andere zu erschrecken, indem sie sich verstecken und plötzlich erscheinen – da man das nicht erwartet, erschrickt man. Jungs legen gerne Plastikspinnen unter der Bettdecke ihrer Schwestern, um sie beim Schlafengehen kreischen zu hören usw.

Doch um ein Buch zu schreiben, das von Millionen Menschen gelesen werden soll, reicht es natürlich nicht aus, auf individuelle Ängste einzugehen. Romane und Filme müssen, da sie Massenmedien sind, die Ängste und Traumata ganzer Generationen anpeilen. Das heißt, die apollinische Seite der Gesellschaft und nicht nur des Einzelnen muß in Schrecken versetzt werden: „Ängste, die häufig politischer, wirtschaftlicher oder psychologischer Natur sind, verleihen den besten Horrorwerken einen angenehm allegorischen Hauch – und es ist die Allegorie, in der die meisten Filmemacher zu sein scheinen.“

In Danse Macabre schildert King, wie seine Generation – er ist Jahrgang 1947 – im Wissen aufwuchs, zur wichtigsten, reichsten, mächtigsten und technologisch fortschrittlichsten Nation der Welt zu gehören und daß weit und breit keiner anderen gelingen würde, in einem bedeutenden Gebiet die USA zu überholen.

Doch es kam für Stephen King und seine Generation anders. Der Sowjetunion gelang es, als erste ein bemanntes Raumschiff in den Weltraum zu bringen. Stephen King saß im Kino, zusammen mit vielen anderen Kindern in einer Nachmittagsaufführung. Plötzlich wurde der laufende Film gestoppt und die Lichter des Saals gingen an. Der Besitzer erschien auf der Bühne und berichtete aufgeregt, daß die Sowjets einen Mann in den Weltraum geschickt hatten. Der Erzfeind hatte es also geschafft, die wichtigste, reichste und fortschrittlichste Nation der Welt zu überholen. Zunächst herrschte eine komplette Ruhe, die Hörer saßen wie erstarrt und trauten es kaum, zu atmen. Schließlich fing jemand an zu kreischen, daß das eine Lüge sei.

Was geschah hier? Die Kinder, die in diesem Kino saßen, wurden mit der Nachricht erschrocken. Im Zeitraum einer Sekunde mußten sie erfahren, daß ihre Nation nicht mehr auf Platz eins war, sondern nur noch auf Platz zwei. Diese Erkenntnis hat sie erstarren lassen, so Stephen King, weil ihre wohlgeordnete Weltanschauung zusammenbrach. Ihr Land war nicht nur mehr der erste auf der Welt, sondern verwundbar geworden, die Sowjets könnten sie mit dieser neuen und besseren Technologie besiegen und sie müßten alle selber zu Sowjetmenschen werden. Das war eines der Kinder zu viel. Seine Psyche wehrte sich gegen diese normzerstörende Erkenntnis, betitelte alles als Lüge und wurde hysterisch.

Solche traumatischen Situationen gibt es im Leben aller Menschen und man wünscht sich, alles ungeschehen machen zu lassen, doch es geht nicht. Dasselbe kann auch im Leben der Völker geschehen, wie das hier Stephen King schildert. Ähnliche Szenen wie die hier geschilderte konnte man nach dem Anschlag auf den World Trade Center am 11. September 2001 sehen. Ein Autor muß in der Lage sein, solche kollektiven Empfindlichkeiten zu erkennen, um wirklich erfolgreich zu werden.

Das bemannte Raumschiff der Sowjets regte stark die Phantasie der Filmemacher. Es entstanden dutzende von Filmen wie „Invasoren aus dem Weltall“, also nicht unbedingt Horrorgeschichten, sondern Science Fiction, obwohl viele eine Art Mischung waren, denn die Invasoren waren oft Monster. Jedenfalls wurde die Bedrohung der Sowjets aus dem Weltraum allegorisch thematisiert, also genau die Angst, die unterschwellig viele Amerikaner hatten, nachdem sie einsehen mußten, daß sie in diesem Gebiet den Sowjets unterlegen waren. Hinzu kamen in den 50er Jahre Filme, die die Bedrohung von Atombomben thematisierte, auch ein Gebiet, wo die Sowjets nicht unbedingt den Amerikanern unterlegen waren. Diese Filme kamen natürlich nicht ohne Happy End aus. Am Ende wurde immer eine Waffe erfunden, womit man die Monster aus dem Weltall besiegen konnte und die rechte Ordnung wieder hergestellt wurde.

Horrorliteratur lebt also nicht in einem historischen Vakuum, sondern ist eine Reaktion auf die Vorgänge der Zeit. Stephen Kings erster kommerziell erfolgreicher Roman ist Carrie aus dem Jahr 1974. Das Buch wurde geschrieben und erschien also in einer Zeit, die gerade dabei ist, die gesellschaftlichen, psychologischen und geistigen Umbrüche Ende der 60er Jahre zu bearbeiten. Es geht also nicht mehr um Untertassen, die aus dem All die Menschheit bedrohen, sondern um den nihilistischen und hedonistischen Lebensstil der 60er und 70er Jahre als Folge der 68er Revolution. Damals haben viele den Versuch unternommen, sich gänzlich von den Normen und Prinzipien, von der Mentalität und der Wertanschauung, zu trennen, die sie von den älteren Generationen geerbt hatten und dessen christliche Wurzeln noch einigermaßen stark waren. Daß ein solcher Bruch mit der Vergangenheit zu Trauma führt, ist nicht verwunderlich und erklärt den Boom des Horrors seit Anfang der 70er.

 
 
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