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Der Spielfilm „Frühstück bei Tiffany“ vom Jahr 1961 von Blake Edwards mit Audrey Hepburn und George Peppard

 

Es gibt viele Gründe, wieso sich jemand ein Film anschaut und oft spielt der Inhalt keine allzu große Rolle. Das kann auch heute der Fall mit einem Film wie „Frühstück bei Tiffany“ sein. Der Charme von Audrey Hepburn, die Musik von Henry Mancini, das mondäne Leben New Yorks Ende der 50er Jahre, die Mitglieder der High Society, die gleichzeitig elegant und locker sind, der „American Way of Life“, der damals seinen absoluten Triumph feierte und andere Elemente können für den heutigen Zuschauer durchaus Ansporn genug sein, sich diesen Streifen anzuschauen, ohne sich groß für den Inhalt zu interessieren.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Mädchen vom Lande, Holly Golightly (Audrey Hepburn), lernt, elegant und gesellschaftsfähig zu sein und führt in New York ein frivoles Leben in einer recht dekadenten High Society. Ihr neuer Nachbar ist der erfolglose Schriftsteller Paul Varjak (George Peppard), zu dem sie schnell Vertrauen findet. Sie sagt ihm, daß sie einen Millionär zum Heiraten sucht, doch eigentlich weiß sie gar nicht, was sie will. Sie irrt sozusagen im Leben umher. Nachdem ihre Verlobung mit einem brasilianischen Millionär in die Brüche geht, nimmt sie Vernunft an und ist bereit, Paul Varjak zu heiraten, der ihr zuvor seine Liebe gestanden hatte.

Weltberühmt ist das Lied „Moon River“, das von Holly in einer Filmszene gesungen wird. Die zweite Strophe faßt den Inhalt des Filmes zusammen: “Two drifters, off to see the world/Theres such a lot of world to see/We´re after the same rainbows end, waitin round the bend/My huckleberry friend, Moon River, and me.”

Frei übersetzt heißt das: Zwei Weltbummler wandern in der Welt umher/es gibt noch so viel zu sehen/Wir sind hinter dem Ende des Regenbogens her, hinter der Biegung wartend/mein Außenseiter-Freund, Moon River, und ich.

Die erste Strophe lautet: Moon river, wider than a mile / I’m crossing you in style some day /Oh, dream maker, you heart breaker / Wherever you’re goin’, I’m goin’ your way. Eine mögliche Übersetzung wäre: Moon River, meilenbreit/ Ich überquere Dich mal mit Eleganz / Traummacher, Herzbrecher/ Egal wohin du gehst, komme ich mit.

Moon River ist also eine Metapher für einen Lebenstraum. Die zweite Strophe spricht von zwei Weltenbummlern und meint damit Holly Golightly und auch den erfolglosen Schriftsteller. Beide sind nämlich „gestrandete Personen“, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Der Schriftsteller Paul Varjak ist aber während des Filmes in der Lage, sein Leben in die Hand zu nehmen, die Schriftstellerei erfolgreich neu zu beginnen und sich vom alten Leben als Liebhaber reicher Frauen zu distanzieren.

Diese Kraft besitzt Holly Golightly nicht. Sie hält sich an ihren Träumen fest und ist selbst dann nicht bereit, sie loszulassen, als ihre Verlobung mit einem brasilianischen Millionär aufgelöst wird. Sie entschließt sich, nach Brasilien zu fliegen, um einen der 50 reichsten Männer dort zu heiraten, von denen sie keinen kennt. Paul Varjak sagt ihr dann offen ins Gesicht, was sie ist: „Weißt Du woran es fehlt bei Dir, armes Ding ohne Namen? Du hast Angst! Du hast keine Courage! Du bist ein Kind, das Angst hat, alles so zu sehen, wie es ist. Menschen verlieben sich nun mal. Menschen gehören zusammen, weil das die einzige Möglichkeit ist, ein bißchen glücklich zu werden. Du hältst Dich für einen freien Geist, der nur ungebunden leben kann. Und zitterst vor Angst, daß Dich jemand in einen Käfig sperren könnte. Mein liebes Kind: Du sitzt schon lange drin und gebaut hast Du ihn Dir selbst. Und der Käfig ist nicht nur in Tulip/Texas oder hier in New York, sondern Du schleppst ihn überall mit Dir rum, ganz gleich wohin Du auch gehst. Überall wirst Du Dir selbst begegnen.“

Holly Golightly ist trotz ihr ständigen Feierns – sie ist der Prototyp des Glamour-Party-Girls – einsam. Die berühmteste Szene des Films, wenn sie mit der Gitarre das Lied Moon River singt, beginnt mit der Einblendung von Paul Varjak, als er versucht, eine Geschichte zu schreiben. Die Kamera blendet das Papier in der Schreibmaschine ein, worauf der Anfang der Erzählung steht: „There was once a very lovely, very frightend girl. She lived alone except for a nameless cat.“ Übersetzt: Es lebte einmal ein sehr liebenswertes, sehr verängstigtes Fräulein. Sie lebte allein, mit Ausnahme eines namenlosen Katers.

Dieser Kater spielt eine große Rolle in dem Film. Truman Capote, der Autor der Novelle, aus der das Drehbuch hervorging, hat das psychologische Profil der Hauptdarstellerin anhand mehrerer Symbole repliziert. Eines davon ist der Kater, der bei ihr lebt. Am Anfang des Films, bei der ersten Begegnung mit Paul Varjak, erzählt sie seine Geschichte: „Armer alter Kater. Armes Vieh, hast keinen Namen. Ich finde, daß ich kein Recht habe, ihm einen Namen zu geben. Wir gehören eigentlich nicht zusammen, er ist mir mal über den Weg gelaufen. Und ich will gar keinen Besitz haben, bevor ich nicht weiß, wo ich richtig hingehöre. Wie es da ungefähr aussehen müßte, weiß ich ganz genau: So wie bei Tiffany.“

Im Kater projiziert Holly ihre eigene seelische Verfassung der Einsamkeit, des Verlorenseins, der Perspektivlosigkeit, des sich nicht selber Kennen und Verstehen. Der luxuriöse Juwelierladen Tiffany ist für sie der Zufluchtsort, zu dem sie geht, wenn sie einmal wieder Angst verspürt.

Am Ende des Filmes spielt der Kater eine große Rolle, um die innere Verfassung von Holly verstehen. Als sie überstürzt beschließt, nach Brasilien zu fliegen und einen Millionär zu finden, wirft sie den Kater aus dem Taxi, in welchem sie zusammen mit dem Schriftsteller sitzt. Sie wirft ihn gnadenlos in den Regen und überläßt ihn seinem eigenen Glück. Nachdem ihre Verlobung und damit ihre Träume in die Brüche gingen, wird sie kalt und indifferent gegenüber anderen. Das Scheitern macht sie egoistisch und hart. Nachdem sie vom Verlobten zurückgewiesen worden ist, tut sie dasselbe mit ihrem Haustier. Daraufhin hält ihr Paul Varjak die obige Ansprache, wodurch sie in sich fällt.

Der Seelenzustand von Holly wird auch immer wieder durch die Musik von Henry Mancini ausgedrückt. Gleich am Anfang des Filmes, wenn sie aus einem Taxi vor Tiffany aussteigt, um sich die Juwelen im Schaufenster anzuschauen und dabei ihr Frühstück einzunehmen (Daher der Name des Films), wird die Melodie von Moon River gespielt. Eine melancholische Melodie, voller Weltschmerz und unerfüllter Sehnsüchte, doch mit der Hoffnung, insbesondere wenn die Streicher einsetzen, daß die Träume irgendwann wahr werden, solange man fest genug an sie glaubt.

Der Film und seine Musik sind nicht bekannt geworden, weil da die Geschichte eines orientierungslosen Fräuleins erzählt wird, sondern weil der Film eine Grundstimmung erfaßte, die sich damals zu bilden begann. In diesen Jahren begann der amerikanische Traum vom Leben, voll der Sorglosigkeit und der Zuversicht, erste Risse zu bekommen. Eine Entfremdung zwischen den Generationen begann spürbar zu werden. Die normierte Massengesellschaft wurde immer mehr in Frage gestellt. Neue Intellektuellen-Gruppe, wie die sog Beat-Generation, propagierten einen neuen Existentialismus, der die herrschende Wertestruktur radikal bekämpfte.

Jugendliche, die nicht gesellschaftliche Außenseiter waren, aber die sich nicht in der Gesellschaft ihrer Eltern heimisch fühlten, konnten sich durchaus unbewußt mit jemandem wie Holly Golightly identifizieren. Sie war jemand, der in der Gesellschaft lebte, trotzdem aber einsam und orientierungslos war. Sie zeigte deutlich, daß inmitten des Glamours, der Eleganz, des New Yorker Reichtums, es Menschen gibt, die sich in dieser Welt nicht mehr zurechtfinden und aus ihr ausbrechen wollen und das tun, sobald sie die Kraft dazu finden. Das geschieht allerdings nur im Happy End der Filmfassung - im Roman irrt Holly weiter in der Welt umher und am Ende erfährt man, daß sie irgendwo in Afrika war (Zwischen dem Film und dem Roman gibt es weitere erhebliche Unterschiede).

Das psychologische Profil von Holly Golightly mit ihrem Umherirren, ihrem mangelnden Realitätssinn, ihrer aufgesetzten Art, die ihr Inneres verdeckt, ihrer tiefen Traurigkeit und Einsamkeit waren Kennzeichen vieler Jugendlicher einer Generation und der Nährboden, auf welchem die Explosion von 1968 vorbereitet wurde.

 
 
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