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Harry Potter
Mathias von Gersdorff
 

Gegen Harry Potter gab es spätestens ab dem zweiten Band einen gewissen Protestpegel, doch mit dem vierten Band, Harry und der Feuerkelch, platzte bei vielen der Kragen. Vor allem eines der letzten Kapitel, „Fleisch Blut und Knochen“, in welchem im Detail ein Ritual beschrieben wird, wodurch der Hauptfeind vom Zauberlehrling Harry Potter, Lord Voldemort, wieder einen kompletten Körper bekommen soll. In einem Kessel werden Knochen seines von ihm ermordeten Vaters, eine abgeschnittene Hand eines seiner Diener und Blut von Harry Potter geworfen und dabei Zaubersprüche rezitiert. Währendessen schleicht eine riesige Schlange, die mit Voldemort spricht und ihn gehorcht, um die Gräber herum. Das Ganze geschieht auf einem Friedhof bei Nacht. Anschließend versucht der Bösewicht Voldemort Harry Potter in einem Zauberduell zu töten, was aber nicht gelingt, denn dieser schafft es, mit einem Zauber zu flüchten.

In der Tat könnte diese Szene aus einem Horrorbuch- oder Film entstammen. Trotzdem läßt sich Harry Potter schwerlich als Horrorliteratur definieren. Harry Potter ist in gewissem Sinne viel schlimmer als Horror.

Die Horrorliteratur, die Anfang des 19. Jahrhunderts, also in der Romantik, entstanden ist, war im wesentlichen eine Reaktion auf die Aufklärung bzw. auf den Rationalismus. Dieser wollte sämtliche Geschehnisse mit der Vernunft erklären, was eigentlich bedeutet, daß alles, was es so gibt und passiert, vernünftig und daher einer vorher definierten Ordnung entspringt. Die Horrorliteratur, bzw. die Schauerliteratur mit Geschichten von Vampiren und Gespenstern entspringt einem Gedankenexperiment, das diese gute Ordnung, die den Menschen alles erklärt, was um sie herum passiert, gestört werden kann. In der Horrorliteratur wird nämlich ein geordnetes Universum gezeigt, das plötzlich von Wesen gestört wird, die es eigentlich nicht geben darf. Und deshalb wendet man gegen sie alle möglichen Mittel, um diese Wesen zu beseitigen. Stephen King schreibt in seinem Buch „Danse Macabre“, vielleicht nicht ohne eine gewisse Ironie, daß die Horrorliteratur eigentlich sehr konservativ ist, denn am Ende gewinnt immer das Gute, die Ordnung, Apollo. Dionysos wird besiegt, die Aufklärung und der Rationalismus können ungestört das Universum nach diesem kleinen Horror-Intermezzo erklären. Der Ursprung der Furcht beim Lesen von Horror entspringt gerade aus dieser Unordnung, die hereinbricht. Angst und Panik entsteht, wenn all das, was wir für essentiell und unzerstörbar hielten, plötzlich in Frage gestellt wird. Wir haben Angst vor Krankheit, weil für uns die Norm die Gesundheit ist. Wir haben Angst vor Armut, weil wir einen gewissen Wohlstand für selbstverständlich halten. Wenn in unsere Welt ein dummer Vampir eintritt und unser schönes Weltbild stört, bekommen wir Angst. Im Horrorroman wird also die Norm bejaht. Je stärker sie verneint wird, desto mehr Angst bekommen wir.

Der moderne Horrorroman, also die Horrorliteratur, die etwa nach 1968 entstanden ist, hat dieses Paradigma nicht unbedingt abgeschafft, sondern gewissermaßen umdefiniert: In den Produktionen, die den Horror als Symbol für die Mentalität der 68er verwenden, wird die Norm, also die bürgerliche Lebensweise, angegriffen, aber selten zerstört. Die 68er schaffen es sozusagen, den „Spießbürgern“ Angst einzujagen, sie schaffen es nicht, diese als Norm abzuschaffen – am Ende wird der Horror besiegt.

Bei Harry Potter finden wir etwas ganz anderes vor. Dort gibt es nicht eine „normale“ Welt, die von einer Horrorfigur bedroht, aber schließlich besiegt wird. Nein, es gibt eine duale Welt, eine Welt der Nichtmagier, den sog. Muggles, und eine parallele Welt, die der Magier, die natürlich als wesentlich interessanter dargestellt wird.

Die Muggle-Welt, also die reale Welt, wird als eine groteske Karikatur dargestellt. Der erste Band von Harry Potter beginnt folgendermaßen: „Mr. Und Mrs. Dursley (Die Familie, bei der Harry Potter, ein Waisenkind aufwächst, Anm. des Verf.)im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchen Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.“ So geht das mehrere Seiten weiter. Im Detail wird beschrieben, wie sich Mr. Dursley über unnormale Menschen (es handelt sind um Zauberer, was er aber nicht merkt) ärgert, die er auf dem Weg zur Arbeit sieht. Alles, was unnormal ist, ärgert ihn und seiner Frau.

Etwas später wird Harry Potter von einem Mitarbeiter von Hogwarts, der Internatschule für Zauberer, von den Dursley abgeholt, um ins Internat gebracht zu werden. Doch vorher muß er etliche Utensilien für den Unterricht kaufen. Das macht er in der „Winkelgasse“, die schon zur Welt der Zauberer gehört. So wird beschrieben, als Harry Potter in diese Welt einschreitet: „Die Sonne erleuchtete einen Stapel Kessel vor der Tür eines Ladens. Kessel – alle Größen – Kupfer, Messing, Zinn, Silber – Selbst umrührend – Faktbar, hieß es auf einem Schild über ihren Köpfen. … Harry wünschte sich mindestens vier Augenpaare mehr. Er drehte den Kopf in alle Himmelsrichtungen, während sie die Straße entlanggingen, und versuchte, alles auf einmal zu sehen: die Läden, die Auslagen vor den Türen, die Menschen, die hier einkauften.“

Dieses Erstaunen und Bewunderung Harry Potters wird später noch um ein vielfaches gesteigert, als er, zusammen mit den weiteren Erstkläßlern, nach Hogwarts kommt und in der „Großen Halle“ von den Lehrern und den älteren Schülern empfangen wird: „Harry hatte von einem so fremdartigen und wundervollen Ort noch nicht einmal geträumt. Tausende und abertausende von Kerzen erleuchteten ihn, über den vier langen Tischen schwebend, an denen die Schüler saßen. Die Tische waren mit schillernden Goldtellern und –kelchen gedeckt. …“

Im dualen Universum der Harry Potter Romane ist die Welt der Zauberer und Hexen bei weitem die interessantere. Wenn das Schuljahr zu Ende geht, kommt Harry Potter über die Ferien erneut zu den Dursleys im Ligusterweg. Dort wird er ohne Ende drangsaliert, weil er Sohn eines Ehepaars von Zauberern ist, also ein unnormaler Mensch. Der Gegensatz in der Behandlung Harry Potters zwischen den Dursleys, den Muggles, und den Zauberern beschreibt die Autoren folgendermaßen: „Hagrid (ein gescheiterter Zauberer, der in Hogwarts arbeitet, Anm. des Red.) betrachtete Harry voller Wärme und Hochachtung, doch Harry fühlte sich nicht froh und stolz deswegen, sondern war sich ganz sicher, daß es sich um einen fürchterlichen Irrtum handeln mußte. Ein Zauberer? Wie sollte das möglich sein? Sein Leben hatte er unter den Schlägen Dudleys gelitten und war von Tante Petunia und Onkel Vernon schikaniert worden.“

Harry Potter wird dermaßen von seinen Adoptiveltern mißhandelt, daß der Leser gar nicht anders kann, als Mitleid für ihn zu empfinden. Die Tatsache, daß er der Sohn von zwei besonders starken Zauberern war, verstärkt erheblich das Leiden Harrys. Als er der Muggelwelt der Rücken kehrt, um ins Internat Hogwarts zu kommen, wo er seinesgleichen treffen wird, atmet der junge Leser richtig auf.

Kaum einer der jungen Leser wird nicht Elemente in Harry Potters Leben bei den Muggels finden, die er nicht nachvollziehen kann. Jeder empfindet sich mal un- oder mißverstanden; jeder denkt mal, daß er zu etwas besonderem berufen ist; jeder streitet sich mal mit dem älteren Bruder und unterliegt usw. Harry Potter erleidet das in einem unerträglichen Maße. Er wird ohne Ende gedemütigt und mit Strafen wie Essensentzug bedroht. In der Schule traut sich keiner, sich mit ihm anzufreunden, um keine Probleme mit seiner Adoptivfamilie zu bekommen. Jeder würde unter solchen Lebensbedingungen nicht irgendwann anfangen, von einer besseren Welt zu träumen.

In den Romanen von Harry Potter ist die Welt der Magie, der Zauberer und Hexen, die Welt, in der Harry Potter (und die Leser) das Glück finden werden. Dort wird man verstanden, man ist reich, man bekommt Freunde im Internat und hat Lehrer, die sich wie richtige Eltern um einen kümmern. Aber noch mehr. Man hat Zauberkräfte, die die langweiligen Muggels nicht haben. Man lebt in einem herrlichen gotischen Schloß mit vielen Zinnen und Türmen, mit herrlichen Banketten, mit geheimnisvollen Ecken und Verliesen usw.

In dieser Welt findet der Leser so gut wie alle Elemente der Zauberei, die er von Märchen und sonstigen phantastischen Erzählungen kennt. Die Zauberer tragen spitze Hüten und fliegen auf Besen, sie kochen in großen Kesseln, zaubern mit Zauberstäben, lernen alles über Flüche und Zaubertränke usw. Mit anderen Worten: All das, was in Märchen und ähnlichen Erzählungen das Böse symbolisiert, wird hier positiv dargestellt, obwohl man erfährt, daß man diese Dinge auch für das Böse verwenden kann. Die Magie ist also an sich nicht schlecht, sondern nur die schlechte Verwendung von ihr. Dasselbe gilt für die Hexen, Zauberer und sonstige Wesen wie Gespenster, Kobolde und Trolle. Offensichtlich wird in den Harry Potter ein Plädoyer für die Welt der Zauberei gemacht. Und mehr als das, sie wird den jungen Lesern, zumindest für deren Phantasie, als Fluchtort von der realen Welt, in der sie leben, angeboten.

Die Horrorliteratur bzw. die Horrorverfilmungen, ohne sie verteidigen zu wollen, gehen nicht so weit. Es wird keine alternative, „bessere“ Welt angeboten. Das leisten nur die sog. Fantasie-Romane oder Science Fiction. Harry Potter kann man aus diesen Gründen nicht zur Horrorgattung zählen, sehr wohl aber zur Fantasieliteratur. Während die Horrorproduktionen die Aufklärung als Deutungsmuster der Ordnung akzeptieren, überwinden die Fantasieproduktionen diese und schaffen Welten, die jenseits unserer Vernunft liegen. Beim Harry Potter geschieht das in einem extremen Maße, wobei verstärkend wirkt, daß die „normale Welt“, die Welt der Muggels, unsere Welt also, ständig mit der Welt der Zauberei verglichen wird.

So gesehen sind die Fantasieproduktionen die eigentlichen Schöpfungen der 68er Revolution. Ende der 60er Jahre haben die sog. Hippies in der Tat mit Hilfe von Drogen und psychedelische Musik versucht, neue Bewußtseinsebenen zu erschließen. Viele Musiker nahmen Drogen wie LSD, die den Menschen in einen Traumzustand versetzen, um eine andere Wahrnehmung der Dinge zu bekommen. Die normale Welt, die bürgerliche Welt, empfand man als beschränkend und anhand von Drogen meinte man sich, von ihr befreien zu können.

Zu behaupten, daß die Autorin von Harry Potter, Joanne K. Rowling, den jungen Lesern eine imaginäre Welt, wie sie sich die Hippies erträumt haben, präsentieren wollte, würde wahrscheinlich zu weit gehen. Aber die scharfe Kritik an der bürgerlichen Welt und die Überwindung dieser durch eine parallele, erträumte Welt, sind zweifelsohne vorhanden. Die Romane von Harry Potter bieten den Lesern eine Fantasiereise in die Welt der Hexerei.

Die Reaktionen gegen Harry Potter waren wahrscheinlich bis zum Erscheinen des vierten Bandes, Harry Potter und der Feuerkelch, deshalb so schwach, weil sich die Gewalt, woran man ja meistens die Jugendtauglichkeit einer Schrift mißt, in Grenzen hielt. Das änderte sich mit dem vierten Band. Diese erreichte nicht nur ein wesentlich höheres Niveau, sondern wurde in Zusammenhand mit schwärzester Magie und Okkultismus gebracht, vor allem im schon erwähnten Kapitel „Fleisch, Blut und Knochen“. Und mehr noch, die Hauptdarsteller Harry Potter, Hermione Granger und Ron Weasley hören auf, Kinder zu sein. Wenn im ersten Band, Harry Potter und der Stein der Weisen, die Stimmung noch die eines Kinder- oder Jugendbuches war, ist die Handlung der vierten Episode der Reihe in einer düsteren Atmosphäre eingebettet. Die Charaktere werden auch komplexer, die charakterlichen Schwächen werden evidenter, das Böse ist entschlossener, die Magie brutaler. Dieser Wandel vollzieht sich auch in den Filmen. Im ersten und zweiten ist die Stimmung noch recht kindlich, die Freundschaft zwischen den drei Hauptdarstellern wird stark thematisiert, die Anzahl der hellen Szenen groß. Der dritte Film, Harry Potter und der Gefangene von Askaban, ist schon wesentlich düsterer. Viele Figuren sind nicht mehr herauspoliert, sondern wirr, verwildert und mit zersaustem Haar, wie beispielsweise Sirius Black, eine neue Schlüsselfigur. Die Grausamkeit, insbesondere durch das Auftreten der sog. Dementoren, die aus der Seele des Menschen jegliche Fähigkeit zur Freude nehmen und durch die Existenz im Hintergrund des Gefängnisses Askaban, das im wesentlichen eine Folterkammer ist. Der vierte Film steigert diese Elemente und wirkt wegen seiner Düsterkeit, Grausamkeit und Gewalt, wie ein Horrorfilm. Wohl durch die vielen Proteste haben sich die Filmemacher bei der Produktion von „Harry Potter und der Feuerkelch“ zurückgehalten. Ansonsten riskierten sie keine Freigabe für Jugendliche. Der erste und der zweite Film wurden in Deutschland für Kinder ab sechs Jahren freigegeben, ab dem dritten sind die Filme für Jugendliche ab 12 Jahren freigegeben.
 
 
Stoppt endlich Bravo!

Bundesweite Protestaktion von
"Kinder in Gefahr" gegen die sog. Jugendzeitschrift Bravo.

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